Der Geist

Im dunklen Gemäuer im fernen Wald,
unten im Keller im kleinsten Raum.
Dort sieht man eine finst‘re Gestalt
versunken in Trance und Traum.
Er sinniert, er denkt und grübelt sehr
Über all die Dinge, die er geseh‘n.
Und fragt sich tagtäglich immer mehr:
Wieso musst‘ dies alles gescheh’n?


Warum nur musste alles enden?
Warum nur ging es entzwei?
Mit diesen, meinen eignen Händen
Ruf ich die Antwort herbei.


Er hebt die Arme in seltsamer Weise,
Grünes Leuchten füllt den Raum.
Etwas kommt an, nach langer Reise,
Doch sehen kann man es kaum.
Es ist ein Geist, ein kleiner Wicht,
Gekleidet mit Wams und mit Hut.
Er steht stracks auf und strecket sich,
Und gibt dem Dunklen Mut.


Ich grüß‘ Dich Bruder, lang ists her,
Dass wir zwei uns geseh’n.
Nun sag mir: Was ist Dein Begehr?
Und wann soll ich wieder geh’n?


Bruder, oh Bruder, ich danke Dir,
Dass Du wieder kamst zu mir,
Zu lange warst Du fort von hier,
Warst eingesperrt wie ein Tier.
Doch heute bist Du wieder frei,
Jetzt bist Du wieder bei mir,
Du stehst treu mir wieder bei,
Und ich steh treu bei Dir.


Du sperrtest mich ein, verstecktest mich,
Doch hatte ich stets Geduld.
Ich wusste, bald, da brauchst Du mich,
Du weißt, mich trifft keine Schuld.
Stets das Beste wollt‘ ich für Dich,
Ich wollte stets nur Dein Glück!
Sieh! Alleine schaffst Du’s nicht!
Und nun bin ich wieder zurück.
Schwarz und Rot sind meine Farben,
Wie der Tod und das Blut.
Selbsthass eine meiner Gaben,
Die andere brennende Wut.


Ich kenne Dich so wie Du bist,
Du bist das Dunkel im Geist!
Ich hatte Dich noch nie vermisst,
Wie Du wohl sehr gut weißt.


Nicht vermisst? Welch harte Worte.
Stets war ich für Dich da!
Zu jeder Zeit, an jedem Orte
War ich Dir immer nah!
Ich schenkte Dir Mut und gab Dir Kraft,
Reichte Dir stets meine Hand.
Was hättest Du denn sonst geschafft
In diesem, Deinem Land?
All der Schmerz und all das Blut,
Alles tat ich für Dich!
Und ging es Dir dann endlich gut,
Dann warst Du stolz auf mich.


Ich liebte Dich so lange Zeit,
Genoss Deine Nähe sehr.
Doch irgendwann war es soweit,
Ich ertrug sie nicht mehr.


Und was ändert Deine Sicht?
Wieso rufst Du mich?
Und jetzt sag mir bitte nicht:
Es war versehentlich.


Der Geist, er starrt den Dunklen an,
Und grinst ihm ins Gesicht.
Man merkt schon, dass er sehen kann,
Woran es dem Dunklen gebricht.


Du riefst mich nur wenn Du verletzt,
Wenn nach Tod und Leid Dir ist.
Und nun fühlst Du Dich ersetzt,
Von der, die Du vermisst.
Willst Du die Schuld mir dafür geben,
Für das, was Du verschenkt?
Du wolltest stets Dein eignes Leben,
Nun sieh, woran es hängt.


Nicht die Schuld, mein treuer Freund,
Denn Schuld bin ich allein.
Ich hab so vieles schon bereut,
So oft konnt‘ sie verzeih’n.
Doch konnte ich nicht an mich halten,
Mich beherrschen fiel mir schwer.
Ich wollte zwar alles beim Alten
Doch obendrein noch sehr viel mehr.
Man kann nicht immer alles haben,
Das ist mir nun klar...
Doch konnte ich es nicht ertragen
Wie damals alles war.
Und was ist meine Arbeit nun?
Was verlangst Du von mir?
Was kann ich hier für Dich tun?
Warum riefst Du mich her?


Deine Nähe, sie schenkte mir stets Kraft,
Sie ließ mich Schmerz verwinden.
Das Dunkel birgt so große Macht,
Man muss sie nur dort finden.
So nimm mich mit in Dunkelheit,
Wie Du es vor Jahren getan.
Nimm mich mit, ich bin soweit,
Trete die Reise gern an.


Den Kopf schüttelt der Geist nur stumm,
Und lächelt den Dunklen an.
Dreht sich weg, dreht sich herum,
Beginnt zu sprechen dann.


Nein, Bruder, ich nehm‘ Dich nicht,
Ich hab’s nie gern getan.
Nach Jahren fandest Du ans Licht,
Nun fang nicht wieder an
Dich ins Dunkel treiben zu lassen
Meine Macht zu nutzen.
Auch wenn es einfach ist, zu hassen,
Musst Du dem Locken trutzen.
Was wolltest Du? Was war Dein Ziel?
Des Weibchens großes Glück.
Sieh Dich an, sie hat soviel,
Und nun halt Dich zurück.


Zurückhalten? Was redest Du?
Sie war der größte Schatz...
Sie war für mich so viel, und nun
Hat wer And’res meinen Platz.
An ihrer Seite wär‘ ich geblieben,
Doch ging es nicht mehr gut.
Ich werde sie noch weiter lieben,
Bis in mein tiefstes Blut.
Doch meine Liebe hat nicht gereicht,
Ich kannte keine Schranken.
Und hat wer Hübsches mich erweicht
Kam ich auch ins Wanken.


Und nun willst Du den nächsten zeichnen?
Du weißt, wovon ich spreche?
Gibst ihm die Chance Dich zu erweichen,
Auf dass er dran zerbreche?


Nein, zerbrechen soll er nicht,
Darauf geb‘ ich mein Wort.
Doch wegschicken? Ich bitte Dich,
Er soll nicht von mir fort.


Der Geist reicht einen Umschlag ihm,
Ein schlichtes, weißes Kuvert.
Der Dunkle, er nimmt ihn hin,
Und dreht ihn hin und her.


Die Lösung steckt in diesem Brief,
Bruder, nutze ihn klug.
Du warst der, der mich zwar rief,
Doch nun ist es genug.
Der Weg zu mir ist Dir verwehrt,
Ich will Dich nimmer sehen.
Du sagst, ich war Dir so viel wert,
Drum lass‘ mich nun gehen.
In Deiner Hand mein letztes Wort,
Ich hab ich nichts mehr zu tun.
Ich geh nun gleich wieder fort,
Lass Dich in Frieden ruh’n.


Was ist in dem Umschlag drin?
Sag, was gabst Du mir?
Sag mir, wo gehst Du denn hin?
Warum bleibst Du nicht hier?


Doch der Geist, er ist nun weg,
Keine Spur zu sehen.
Nur zwei Löcher sind im Dreck,
Die ebenso vergehen.
Die magische Geste bleibt wirkungslos,
Der Dunkle bleibt allein.
In seiner Hand hat er das Los
Nicht lang allein zu sein.
Er starrt das Brieflein zitternd an,
Er tut sich sichtlich schwer.
Einen Ruck gibt er sich dann,
Und steckt ein das Kuvert.
Seine Entscheidung steht nun fest,
Er will es nun doch wagen.
Die letzte Hürde, der letzte Test:
Es jetzt noch offen zu sagen.
Doch noch bleibt Zeit, so sagt er sich,
Und richtet sich wieder auf.
Schlägt die Kapuze aus dem Gesicht
Und atmet erleichtert auf.
Sein dunkler Bruder ist nun weg,
Er wird nie wieder kehren...
Der Dunkle rührt sich nicht vom Fleck,
Muss sich eines Grinsens erwehren.
So schlimm wie er dachte ist die Lage,
Doch nur auf den ersten Blick.
Vielleicht hilft es wenn ich mir sage:
Es gibt mehr als nur EIN Glück.


Geschrieben von Björn "Islaender" Steinert, 2005