Einhorn im Wald

Ein junger Mann, der kniet im Wald,
Weint leise vor sich hin.
Die Hände tief ins Moos gekrallt,
Im Leben keinen Sinn.
Doch plötzlich steht ein Einhorn da
Und sieht ihn lächelnd an.
Streicht ihm zärtlich übers Haar
Und spricht ihn schließlich an.


Hallo, mein Freund, was wünschst Du Dir?
Sag, was ist Dein Begehr?
Vielleicht die Wandlung in ein Tier?
Oder auch etwas mehr?
Hier stehe ich vor Dir brav stramm
Und lausche Deinem Willen.
Und sofern ich dieses kann,
Werd ich ihn gern erfüllen.


Du lieber Schreck, ich seh‘ nicht recht?
Ein Einhorn? Hier im Wald?
Ich glaub der letzte Schnaps war schlecht,
Oder das Bier zu alt...
Mein Wahn, wie weit wird er denn geh‘n?
Wird er mich gar zerstören?
Fang ich jetzt an, Dinge zu seh’n,
Die nicht hierher gehören?
Sag, Dämon, was lockst Du mich?
Was versprichst Du Dir?
Ich zweifele, ich trau‘ Dir nicht,
Du ersponnenes Tier!


Das Menschenkind misstrauet mir,
Es jagt mich grade fort.
Ich folgte den Tränen stracks hierher,
Hierher, an diesen Ort!
Oft bis Du hier, und weinst sehr viel,
Die Tränen tränkten das Moos.
Ein Wort von Dir beendet das Spiel,
Und schon bist Du mich los.
Sagst Du mir „Nein!“ so gehe ich,
und kehre nimmer zurück,
Doch biete ich Dir nun ehrlich
Ein Stück vom wahren Glück.
Nimm es an oder schlag‘s aus,
Es ist nur Dein Leben.
Nur sag ich Dir auch frei heraus:
Ich kann Dir alles geben!
Hufe und Nüstern, Fell und Schweif,
Was immer ist Dein Begehr?
Die Zeit ist da, die Zeit ist reif,
Ein zweites Mal komm‘ ich nicht her.


Ists wirklich so? Ist es denn wahr?
Liegt es nicht am Wein?
Stehst Du wirklich, wirklich da?
Ist es nicht nur Schein?


Ich bin real, bin wirklich echt,
Und nun steh ich hier,
Willst mich berühren? Es sei Dein Recht,
Alles gewähr‘ ich Dir.
Doch meine Zeit, sie ist begrenzt,
Denn bald schon muss ich geh’n.
Entscheiden solltest Du Dich jetzt,
Du wirst mich nie wieder seh’n.
Ob Du annimmst ist mir egal,
Zu nichts will ich Dich zwingen.
Letztendlich hast nur Du Die Wahl
Und musst mit Dir nur ringen.


Wie schön und wohlig das doch scheint?
Ein Wunsch, nur einer darf‘s sein?


In all den Jahren hast Du viel geweint,
Doch gewähren kann ich nur ein‘.

So soll es sein, so gib es mir!
Gib mir was ich will!
Gib Hufe und Mähne, gib alles her,
Ich halte auch artig still.


Sei gewarnt, es wird nicht leicht,
Schmerzen wirst Du erleiden.
Doch wenn Du endgültig bereit,
Will ich den Trank nun bereiten.
Bleib Du nur hier und zage nicht,
Schon bald bin ich wieder hier.
Mit Pflanzen dort aus dem Dickicht
Brau ich Dein Tränklein Dir!


Einhorn, oh Einhorn, ich danke Dir,
Nach all der langen Zeit
Endet der Mensch, beginnt das Tier,
Mein Weg ist noch sehr weit.


Weise gesprochen, Menschenkind,
Du weißt wohin Du gehst,
Auch wenn viele Jahre verstrichen sind,
Du weißt genau wo Du stehst.


Das Einhorn trabet in den Wald,
pflückt dort Blätter und Kraut,
Nach einer Stunde ists zurück,
Und hat den Trank gebraut.
Die Flasche im Maul reicht es ihm
Wonach er so sehr verlangt.
Er nimmt sie an, er nimmt sie hin,
Auch wenn er noch etwas bangt.
Da sinkt er keuchend auf die Knie,
Vor Schmerz er leise stöhnt,
Solche ein Pein spürt‘ er noch nie,
Solches war er nicht gewöhnt.
Stunde um Stunde dauert es an,
Die Zeit verstreichet kaum,
Und als er wieder stehen kann
Erblickt er zarten Flaum.
Weißes Fell auf seiner Nase,
Die länger geworden ist.
Die Freude wird zu reiner Ekstase,
Als das Einhorn ihn küsst.
Er spiegelt sich in seinen Augen,
Und sein Herz schlägt schnell und hart.
Er mag es selbst jetzt kaum noch glauben,
Ist eine Stute, klein und zart.
Sie sieht dem Einhorn ins Gesicht
Und lacht es freudig an.


Ich glaube es selbst jetzt noch nicht,
Dass ich es doch getan!
Ich bin ein Pferd, kein Menschlein mehr,
Ich fühle mich so frei.
Ich danke Dir, ich dank‘ Dir sehr,
Dass Du mir standest bei.


Dank mir nicht, dank Deinem Herzen,
Zog es mich doch hierher.
So stark spürt ich Deine Schmerzen,
Und wollte dies nicht mehr.
Schwester, nun entdecke Dein Leben,
Galoppiere frei hinaus!
Ich hab es Dir sehr gern gegeben,
Und nun lebe es aus!


Die Stute nickt, dreht sich herum,
Bäumt sich wiehernd auf.
Sieht sich nach dem Einhorn um
Und reißt die Augen auf.
Die Stelle wo’s stand, die ist nun leer,
Nichts als Wald ist zu seh’n...
Kein Pferd, kein Einhorn steht dort mehr,
Es musste wohl wieder geh’n.



Geschrieben von Björn "Islaender" Steinert, 2004